Hinweis · 21. Juni 2026

Pflichtteil: wer ihn hat, was die Quote ungefähr ist, wann die Frist läuft

Sophie Kranz · Lesedauer etwa acht Minuten

Stift und Notizen auf einem Blatt

Der Pflichtteil ist ein Geldanspruch, kein Anspruch auf das Haus und kein Sitz in der Erbengemeinschaft. Das verwechseln Mandanten oft, wenn im Testament „meine Tochter soll nichts bekommen“ steht und die Tochter trotzdem anruft. Sie bekommt nicht die Schlüssel. Sie kann die Hälfte ihres gesetzlichen Erbteils in Geld verlangen, wenn die übrigen Voraussetzungen stimmen.

Wer berechtigt ist

Abkömmlinge, also Kinder, und an deren Stelle Enkel, wenn das Kind vorverstorben ist. Der Ehegatte. Die Eltern, wenn keine Abkömmlinge vorhanden sind. Geschwister haben keinen Pflichtteil. Ein Lebensgefährte ohne Ehe hat ihn ebenfalls nicht. Enterbung, auch die stille durch Übergehen, nimmt die Erbenstellung, nicht automatisch diesen Geldanspruch. Entzogen werden kann der Pflichtteil nur in engen Fällen, etwa bei einer schweren Straftat gegen den Erblasser. Dafür braucht es eine wirksame Anordnung, nicht einen ärgerlichen Satz am Telefon.

Eine grobe Quote, kein Rechner

Gesetzliche Erbquote geteilt durch zwei. Neben einem Ehegatten im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft kommt der pauschale Zugewinnausgleich von einem Viertel hinzu, bevor die Kinder ihren Rest teilen. Ein Kind neben dem Ehegatten: gesetzlich ein Halb, Pflichtteil ein Viertel des Nachlasswerts. Zwei Kinder: gesetzlich je ein Viertel, Pflichtteil je ein Achtel. Ohne Ehegatten und mit zwei Kindern: gesetzlich je ein Halb, Pflichtteil je ein Viertel. Schenkungen der letzten zehn Jahre können über die Pflichtteilsergänzung hinzukommen, im ersten Jahr voll, danach jedes Jahr um ein Zehntel weniger. Ein Geschenk an den Ehegatten wird anders behandelt als eines an den Nachbarn. Deshalb ist eine Summe aus dem Gedächtnis kein Anspruch.

Auskunft vor der Zahl

§ 2314 BGB gibt dem Pflichtteilsberechtigten einen Auskunftsanspruch gegen den Erben. Der Erbe muss ein Verzeichnis der Nachlassgegenstände vorlegen. Auf Verlangen ist das Verzeichnis von einem Notar aufzunehmen, und der Berechtigte kann bei der Aufnahme dabei sein. Wer die Wertermittlung eines Hauses verlangt, kann einen Sachverständigen auf Kosten des Nachlasses hinzuziehen, wenn das angemessen ist. Ein Brief, der „sofort 80.000 Euro“ fordert, ohne das Verzeichnis abzuwarten, wird meist beantwortet mit der Bitte um Geduld oder mit Streit über eine Zahl, die niemand belegen kann. In der Kanzlei geht das Auskunftsverlangen zuerst, die bezifferte Forderung danach.

Drei Jahre, nicht das Jahresende

Nach § 2332 BGB verjährt der Anspruch in drei Jahren von dem Zeitpunkt an, in dem der Berechtigte vom Erbfall und von der Verfügung Kenntnis hat, die ihn beeinträchtigt. Ohne diese Kenntnis in dreißig Jahren seit dem Erbfall. Die Frist beginnt nicht erst am Ende des Kalenderjahres. Wer im Juni erfährt, dass das Testament ihn übergeht, sollte den Juni drei Jahre später nicht als theoretisches Datum behandeln. Hemmung durch Verhandlung ist möglich, aber kein Ersatz für ein rechtzeitiges Schreiben.

Ein kleines Vermächtnis schließt den Pflichtteil nicht aus. Es wird angerechnet, soweit das Gesetz das vorsieht. Ob die Annahme des Vermächtnisses den Pflichtteil berührt, hängt vom Testament und von der Erklärung ab. Das ist ein Satz für die Akte, nicht für diesen Beitrag.

Wer eine Frist schon laufen sieht, schreibt besser diese Woche an die Kanzlei als nach dem nächsten Familienfest.